#Revue CineSelch “Die Zukunft ist besser als ihr Ruf” 24.2.2018

Der Kulturverein Die Selch organisierte am 24.2.2018 eine Pappstadt/ Holz-Werkstatt für Kinder ab 5 Jahren mit dem Thema “Stadt der Zukunft” im Veranstaltungszentrum B4. Das FabLab konnte in ihrem Workshop, der vollständig ausgebucht war, mit den älteren Kindern eigene Solarlampen bauen. Dabei hatten die Kinder und Jugendlichen die Chance mehr über erneuerbare Energien, Funktionsweisen eines 3D-Druckers und Solarzellen lernen.

Anschließend, nach kurzen Aufräumarbeiten konnte das Team der Selch mit einigen Interessierten eine köstliche Suppe, gekocht vom feld-verein aus Innsbruck genießen und sich im Anschluss den österreichischen Dokumentarfilm “Die Zukunft ist besser als ihr Ruf” ansehen und danach in eine intensive und komplexe Diskussion einzutauchen, in welcher viele Themen angeschnitten wurden.

Um dieser Themenvielfalt in ihrer Ausführlichkeit gerecht zu werden, zielt diese Veranstaltungsrevue darauf hin, einen kurzen Einblick und Ausblick auf die angesprochenen Themen und ihre Zukunftsführung zu geben.

Die ReferentInnen der Diskussionsrunde waren:

Erwin Schwarzmüller (Achitekt, Mitbegründer von Energie Tirol)

Dhara Meyer (Energie Tirol, Tirol 2050)

Hermann Stolze (Koordinator des Zirler Gemeindeprojekts “Zirlgarten”)

Reinhard Vötter (Rotes Kreuz Zirl, Team Tafel Österreich)

Die selbstgemachte Solarlampe - vor dem Zusammenbauen

selbstgebaute Solarlampen - fertig!

Bauwerke der Pappstadt-Werkstatt, 24.2.2018

KünstlerInnen am Werk, 24.2.2018

Bauwerke der Pappstadt-Werkstatt, 24.2.2018

Erwin Schwarzmüller (Architekt)

Grundsteine des nachhaltigen Bauens nach Erwin Schwarmüller:

  1. Bauvorhaben analysieren und optimieren: ein hilfreiches Tool bei der Bedarfsanalyse bezügl. Platz und Raumgestaltung ist „rehabitat“ (Link: http://www.ecology.at/rehabitat.htm, das ausführliche Handbuch ist hier zu finden: http://www.ecology.at/files/pr832_4.pdf)

  2. Reserven und Ressourcen aktivieren: Neubauen heißt immer Bodenversiegelung – landwirtschaftlich nutzbarer Boden verschwindet dadurch.

  3. Bestehende Quartiere aufwerten: Leerstand nutzen, auch wenn mit aufwändiger Sanierung verbunden; Aufwertung steigt durch Vernetzung (keine Einsiedeleien bilden!, sondern Anbindung an Geschäfte, Kindergärten, Sozialeinrichtungen, etc.) anstreben.

  4. Ökologie, Funktionalität, Mehrfachnutzung (bzw. Umnutzbarkeit), graue Energie mit berechnen: die Lebensdauer eines Gebäudes, auch wenn es ein Einfamilienhaus ist, sollte nicht auf den Bedarf der Häuslbauer alleine beschränkt sein! Am Besten sollte beim Neubau bereits eine Umnutzung des Gebäudes miteingeplant werden. Die CO2-Bilanz der Ressourcenanschaffung (Beton, Lehm, Stroh, Holz; Bauweise und Arbeitsaufwand – maschinell oder personell) und die Entsorgung der verwendeten Materialien müssen in die Kalkulation miteinberechnet werden. Durch eine durchgängige Praxis in dieser Richtung würden sich auch ehrliche Preise ergeben und weniger umweltfreundliche Materialien (z.B. Styropor als Dämmmaterial) ihr Einsatzgebiet verlieren.

Anmerkungen zum Bauen mit natürlichen Materialien:

Mit Lehm lassen sich höchstens 2-3-stöckige Gebäude bauen, preislich ist es ungefähr doppelt so teuer wie Sichtbeton (aber bei Sichtbeton wird ja auch die Entsorgung und viele andere Faktoren nicht miteinberechnet!!).

Stroh- und Holzbauten sind preislich vergleichbar mit Betonbauten, haben jedoch einen höheren Arbeitsanteil (50-60% mehr) bei gleichbleibenden Kosten!


Dhara Meyer (Energie Tirol, Tirol 2050)

Aufgrund des radikalen, menschenverursachten Anstiegs von CO2 in der Atmosphäre werden wir alle vor ein Problem gestellt, dessen Lösung in kürzester Zeit und effizient angestrebt werden soll. Die Ziele des Klimavertrags von Paris sehen vor, dass die Erderwärmung unter 1,5°C gehalten werden muss, um schlimmere weltweite Konsequenzen verhindern zu können. Tirol leistet bereits einen Beitrag und ist konsequent dabei seine Ziele eines energieautonomen Tirols bis 2050 umzusetzen. Die Ausschnitte aus Dhara Meyer’s Präsentation zeigen Details zur Umsetzung der Ziele des Landes Tirol.

Die Projektlandkarte (http://www.tirol2050.at/de/bereits-erreicht/projekte-in-tirol/uebersichtskarte/) gibt einen guten Überblick über bereits bestehende Projekte in Tirol und lädt alle Engagierten ein, ihre Projekte selbst einzutragen und somit sichtbar zu machen. Der Trailer “Tirol 2050 – eine Region im Wandel” (https://www.youtube.com/watch?v=4HFBR2mepno&t=4s) zeigt einige beispielhafte Projekte. Unter dem Link: http://www.tirol2050.at/de/geschichten-des-gelingens/ finden sich ebenso inspirierende Geschichten von Tiroler Projekten.

Die Vision: energieautonomes Tirol

Entwicklung des Endenergieeinsatzes in Tirol

Endenergieverbrauch nach Sektoren

Energiemix: heute - 2050

Hermann Stolze (Koordinator des Zirler Gemeindeprojekts “Zirlgarten”)

Begonnen hat das Ganze mit der Bitte an die Marktgemeinde, die Fläche des Schulerweiterungsareals nutzen zu dürfen, solange diese nicht bebaut wird.
Der Gemeinderat und der Gemeindevorstand haben entschieden, dass dies möglich sei, unter gewissen Bedinungen.
So konnten Hermann Stolze und MitstreiterInnen mit dem Gemeinschaftsgartenprojekt im Sommer 2017 starten.
Mitlerweilen sind 10 Gärtnerinnen und Gärtner dabei und freuen sich schon auf das beginnende Gartenjahr 2018.
Für alle Zirlerinnen und Zirler, die Interesse haben, steht Hermann Stolze als Organisator gerne für Anfragen
unter der E-Mail Adresse: garten@zirl.gv.at zur Verfügung.

Reinhard Vötter (Rotes Kreuz Zirl)

Reinhard berichtete über die Lebensmittelausgabe bei der ehrenamtlich geführten Tafel (Team Tafel Österreich) in Zirl. Lebensmittel, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben oder aus anderen Gründen in Supermärkten ausgesondert wurden, werden von ehrenamtlichen MitarbeiterInnen des Roten Kreuz Zirl in unterschiedlichen Gemeinden abgeholt, um sie vor dem Müll zu bewahren. Die Tafel öffnet ihre Türen einmal wöchentlich (Samstag von 18:00-19:00) in der Wache des Roten Kreuz Zirl (Infos zur Erstanmeldung: http://www.roteskreuz.at/tirol/dienststellen/innsbruck-land/gesundheits-und-soziale-dienste/team-oesterreich-tafel/team-oesterreich-tafel-zirl/). Reinhard Vötter bemerkte, dass es Erweiterungspotenzial der momentanen Tafel gäbe, Angebote von Supermärkten, die noch nicht abgefahren werden, wurden ausgesprochen. Außerdem könnte das Angebot breiter angenommen werden, sodass die individuell bestehende Stigmatisierung möglicherweise wegfallen könne.

Hannah Stolze (Moderatorin)

Gedanken zu unserem Geldsystem, basierend auf dem Buch von Stefan Mekiffer: „Warum eigentlich GENUG Geld für alle da ist“

"Warum eigentlich GENUG Geld für alle da ist", von Stefan Mekiffer (2016, Hanser Verlag)

  • Geld ist ein Zahlungsmittel, das einen bestimmten Wert besitzt, durch welchen sich Güter preislich miteinander vergleichen lassen können
  • Geld ist ein Versprechen. Teil einer Beziehung, an Personen gebunden (weil Besitz und Eigentum).

  • Geld ist aber auch ein Versprechen, das losgelöst ist vom Versprochenen. Es sagt nicht von wem wir welche Güter bekommen, sondern wie viele und zu welchem Preis. Geld bleibt immer eine Zahl und daher abstrakt.

  • Geld ist ein Versprechen, das losgelöst ist von der Person, die verspricht und der Person, der versprochen wurde. Das bedeutet, es ist austauschbar.

  • Geld ist anonym, weil es von Personen losgelöst ist, der Geldfluss ist unkontrollierbar.

  • Geld agiert international/ global, nur bedingt oder kurz lokal.

  • Geld muss nicht atmen, essen und trinken. Geld muss keine Ressourcen schonen. Geld funktioniert wie eine Maschine, wird (von Ökonomen) berechnet, kalkuliert, geschätzt und auf einen scheinbar systematisch und mechanisch funktionierenden Markt – eigentlich einen lebendigen Markt voller individueller Menschen – angewandt.

  • Unser Problem mit dem Geld ist, dass der Mensch keine Maschine ist und atmen, essen und trinken muss! Menschen leben auf diesem Planeten, Geld ist surreal.

Daher sind wir darauf angewiesen uns die Frage zu stellen, wie wir ein System finden und unterstützen können, dass nicht die Ressourcen zerstört auf die wir Menschen angewiesen sind, sondern diese schützt und mittels eines vertretbaren, nachhaltigen Geldsystems sogar den Erhalt von Ressourcen fördert!

Geld hat viele gute Eigenschaften, die in der obigen Liste auch als schlechte Eigenschaften interpretiert werden können – Geld ist austauschbar und agiert global – ja, das ist der ganze Sinn dahinter – eine Währung zu finden, die für alle als gleichwertiges Handels- und Tauschmittel fungieren kann.

Aber im Kleinen, in Dorfgemeinschaften, in Staaten könnte es – nach dem Beispiel der Schweiz mit der nationalen Kreislaufwährung WIR – Bezahlsysteme geben, die überschaubar und nachvollziehbar sind, die lokale Wirtschaft, Arbeit und Wissen in den unterschiedlichen Ländern/ Gemeinden/ Dörfern/ Communities stärken. Die Auswirkungen des verzinsten Geldsystems, die wir momentan erleben, sind ein Produkt der letzten paar Jahrhunderte und sind wahrscheinlich genauso rückgängig machbar, wie sie sich mit der Zeit selbstständig eingeführt haben. Ewiges, unendliches Wachstum ist ein Irrglaube und in keinerlei Hinsicht mit den endlichen(!) Kapazitäten der Erde zu vereinbaren, daher sollte sich auch unser Leben und unserer Wirschaft danach richten.

Das System klingt immer gut und anklagend, aber das Traurige an diesem besagten System ist, dass jedeR Einzelne von uns es tagtäglich unterstützt, mit jedem Einkauf, mit jedem Cent, der ausgegeben wird und dass obwohl wir wahrscheinlich gegen die Auswirkungen dieser krisengesteuerten Welt sind! Nicht sehr aufmunternd, aber doch bedenkenswert. Jedes System lässt sich verändern, durch Boykott, durch Alternativen, durch Demonstrationen und Demonstration des Widersprechens in alltäglichen Dingen, durch Reflexion und Austausch mit Anderen, durch Konfrontation.

Literaturtipps:

  • Eisenstein (2013): Die Ökonomie der Verbundenheit. Wie das Geld die Welt in den Abgrund führte und sie dennoch jetzt retten kann“
  • Lietaer/ Arnsperger/Goerner/Brunnhuber (2012): „Money and Sustainabilty. The Missing Link“
  • Stefan Mekiffer (2017): „Warum eigentlich GENUG Geld für alle da ist!“
  • Empfehlenswerter Artikel zum Thema Arbeit in der Standard-Ausgabe vom 7.3.2018: „Freizeit ist ein Mythos“ (Forschung Spezial) von Andrea Komlosy (Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Uni Wien).
  • Walter Ötsch (youtube): „10 Gespräche gegen Angst“